Erfahrungsbericht: Wie ein Vater eine Geburt erlebt

Du warst mit Deiner Partnerin im Geburtsvorbereitungskurs, hast einige Elternratgeber gelesen und Dich seelisch und moralisch drauf vorbereitet, dass die Geburt Deines Kindes wahrscheinlich nicht nur "sehr emotional", sondern evtl. auch "verdammt anstrengend" bis hin zu "aufwühlend" oder gar "verstörend" werden könnte!?

Wie bei vielen anderen Sachen im Leben, ist man auch beim Thema Geburt erst hinterher schlauer. Denn sie wird in der Regel noch anstrengender, emotionaler und prägender werden, als Du es Dir vorher ausgemalt hast. Hier berichtet einer, der dieses Erlebnis hinter sich gebracht hat. Rein von der emotionalen Seite her und vollständig ohne Blut, Geschrei und Vertiefung in denkbare Komplikationen. Lediglich mit einem zeitlichen Abstand von fast zwei Jahren. Denn wie in einem aufgewirbelten Wasserglas brauchte alles einige Zeit um sich zu setzen.

Latente Überheblichkeit - böser Fehler bei einer Geburt!

Entbindung im Krankenhaus ein emotionales Erlebnis für den Vater

 

"Hier kommen zwei, die dieses Haus in wenigen Stunden zu dritt wieder verlassen werden!". In etwa mit dieser Grundeinstellung, die aus heutiger Sicht nur so überheblich sein konnte, weil ich noch nie bei einer Geburt dabei war (und meine eigene Geburt - sorry, die ist einfach schon zu lange her), brachte ich meine Holde, die sich mittlerweile unter dem Einfluß der ein oder anderen Wehe befand, im späten August 2015 in unser örtliches Krankenhaus. Aber wie hätte ich es auch besser wissen sollen?

Eine Bilderbuch-Schwangerschaft verblendet das was während der Geburt auf Dich zukommt

Dem Tag der Wahrheit vorangegangen war schließlich eine Bilderbuch-Schwangerschaft: keinerlei Kotzerei, keine sonstigen erwähnenswerten Beschwerden. Nur ein stetig runder werdender Bauch und ein mit jedem Termin zufriedenerer Frauenarzt ließen keine Zweifel aufkommen, dass auch die Entbindung als Krönung des ganzen ein Selbstläufer, ja geradezu ein Zuckerschlecken werden würde.

Nutzloser Geburtsvorbereitungskurs und verklärtes Vorstellungsbild

Nicht zuletzt deswegen ging ich auch nur widerwillig mit in den sog. Hechelkurs. Lustig rollten wir in Partnerübungen auf Gymnastikbällen umher, schoben Babypuppen durch Beckenmodelle und wurden ansonsten NICHT AUF DAS VORBEREITET WAS IN WIRKLICHKEIT AUF UNS ZUKOMMEN WÜRDE! Danke für dieses sinnlose und verschwendete Wochenende!!! Unser bisheriges Geburts-Wissen als Kinderlose wurde dadurch nicht wirklich bereichert. Mein radikaler Vorschlag: zeigt den Leuten einen Film mit realem Gemetzel und brutalsten Szenen. Wenn er fertig ist sagt ihnen: "So in etwa müsst ihr Papis Euch eure Gemütslage während der Geburt vorstellen. Nur eben noch 10 Mal krasser!". Dann hat vielleicht der ein oder andere eine ungefähre Vorstellung, dass da wirklich so etwas wie eine emotionale Dampfwalze auf ihn zukommen KÖNNTE.

Warum ich "KÖNNTE" sage? Es soll ja auch Geburten geben, da flutscht alles wie in der Schwarzwaldklinik: nach einigen beherzten Schreien der Mutter sagt die Hebamme ihren Standard-Satz "Ich sehe das Köpfchen!", dann folgt ein Szenenwechsel und wir sehen eine müde aber glückliche Mutter in einem blütenweißen Bett liegen. Das Zimmer überquellend vor Blumensträußen. Ihr kleines Wunder hat sie auf der Brust liegen, die herbeigeeilten Großeltern mit einer Träne im Augenwinkel seelig vor dem Bett stehend und... Film-Modus "Aus, Real-Modus wieder "An".

Zurück in die emotionale Realität einer Entbindung

Egal WIE GUT die Geburt verläuft, es wird Dich als Partner mental mehr mitnehmen als Du denkst. Dass es dennoch große Unterschiede in der Schwere der Geburt, der Dauer und der emotionalen Einwirkung gibt - garkeine Frage. An dieser Stelle kann ich lediglich die Fakten und Erlebnisse aufzählen, die ICH PERSÖNLICH hinter mich gebracht habe. Und die ich mir vorher nicht erträumt hätte. Wie auch, ich hatte ja keine Ahnung was da auf mich zukommt!. Und genau mit diesem Umstand sollten sich werdende Papis einmal auseinandersetzen, um eben nicht im Kreißsaal oder auch noch Wochen nach der Geburt von der emotionalen Dampfwalze überfahren zu werden.

Beschäftige Dich mit folgenden Aspekten und versuche Dich darauf einzustellen!

Die nachfolgenden Schilderungen und Ratschläge meine ich echt ernst! Wenn Du nicht nur drüberliest, wie über eine Checkliste nach dem Motto "Aha, das könnte also alles auf mich zukommen!", sondern Dich tatsächlich mal gedanklich mit den geschilderten Situationen auseinandersetzt und versuchst sie in Deinem Kopf entstehen zu lassen, damit Du sie vorab durchleben kannst, dann haut es Dich vielleicht in dem Moment, in welchem sie real werden nicht so sehr aus den Socken wie mich. Viel Erfolg!

Hilflosigkeit trotz Stärke - Deine bisherige Lebenserfahrung wird nutzlos und Dein Weltbild gerät ins Schwanken

In der Ausgangssituation liegt die Problematik

Lass mich kurz ausholen: Im Leben stehst Du voll und ganz Deinen Mann. Sowohl beruflich als auch privat. Du nimmst die Dinge selbst in die Hand und auch harte Nüsse knackst du - wenn nicht sofort, dann mit der Zeit - durch Eigeninitiative, Beharrlichkeit und Deine Lebenserfahrung. Du kannst Dich also darauf verlassen, dass Dir die (meisten) Dinge gelingen, wenn Du Deine vorhandenen skills aktiv einsetzt. Du kannst Dich auf DICH verlassen! Und mit Deiner überschüssigen Power greifst Du nicht selten auch noch anderen Menschen in Deinem Umfeld unter die Arme, sodass deren Projekte real werden. Prima, Du bist also ein klasse Typ, genau wie ich! Du hast ein Konzept, Du glaubst daran und kannst Dich darauf verlassen, dass alles gut wird, wenn Du nur hart genug daran arbeitest.

Nun gehen wir in den Kreißsaal

Wie fühlt sich ein Vater im Kreißsaal bei der Geburt des Kindes

Dein oben genanntes Weltbild und das Vertrauen, dass alles klappt, wenn Du nur hart daran arbeitest, hast Du mit in diese heiligen Hallen gebracht und harrst der Dinge die nun auf Dich und Deine Partnerin zukommen. Die Zeit vergeht, die Wehen Deiner Partnerin werden mehr und mehr. Fleißig hilfst Du Hecheln, holst ihr ein Glas Wasser und bindest ihre Haare zurück, wenn sie wild zerzaust umherfliegen. Und wie immer in Deinem Leben scheint auch diese Nuss bald geknackt zu sein. Wir spulen zeitlich noch ein wenig nach vorne: Die Lage ist ernster geworden. Deine Partnerin befindet sich mittlerweile seit mehreren Stunden in krassen Wehen. Stoisch wie die schweren, unaufhaltsame Wellen des Meeres rollen sie in geradezu perfider und grausamer Regelmäßigkeit über sie hinweg, ohne dass sie sich auch nur einer einzigen entziehen kann.

Ich werde noch bildlicher: wie in einem Mafia-Film wird sie von unsichtbaren, erbarmungslosen Kerlen festgehalten, während ihr ein brachialer Koloss immer und immer wieder seine riesige Faust mit Härte und Takt einer Maschine in die Magengrube puncht.

Da Du Deine Partnerin wirklich gut kennst, weißt Du, dass sie schon seit geraumer Zeit an - wenn nicht sogar schon über - ihr leistbares Maximum geht. So kraftlos, schmerzverzerrt und hilflos gegen das was da mit ihr passiert, hast Du sie noch nie erlebt. Auf einer Schmerz-Skala von 0 - 100 ist sie ungelogen auf einer 1000. Wenn jetzt nicht bald etwas voran geht, dann... ja, was dann? Was wird passieren? Wie lange wird sie noch durchhalten? Und was ist eigentlich mit Dir??? Warum tust DU nicht irgendwas? Wo sind Deine tollen skills nach dem Motto "Wenn ich hart daran arbeite und beharrlich bin, dann wird alles gut werden!"??? Wieso bringst Du sie nicht zum Einsatz, so wie du es aus anderen Situationen gewohnt bist?

Deine Hilflosigkeit trifft Dich wie ein Hammerschlag!

Und nachdem es Anfangs nur in Deinem Hinterkopf gedämmert hat, trifft es Dich plötzlich wie ein Hammerschlag! Denn ALLES was Du in dieser Situation unternehmen willst bzw. KANNST, wird Dir plötzlich wie ein einziges Scheitern vorkommen. Dein nutzloses Händchen-Halten, Dein saublödes "Atmen Schatz, Atmen!" oder aufmunternde Wort wie "Bald ist es geschafft!", bringen in diesem Moment *EINEN SCHEISS!!! Du realisierst gerade eiskalt, dass dieser Augenblick einer der wenigen Situationen in Deinem Leben ist, in denen DU ÜBERHAUPT NICHTS TUN KANNST, um die Lage zu verbessern. Du intelligenter, smarter und sportlich voll austrainierter Prachtkerl bist nicht imstande Deiner geliebten Frau auch nur ein einziges Prozent ihrer momentanen Schmerzen abzunehmen. Weder Dein Geist noch Dein Körper haben in irgendeiner Weise Einfluß darauf was direkt vor Deiner Nase geschieht. Du stehst nur einen winzigen Schritt neben Deiner Frau und kannst dennoch keinerlei Einfluss nehmen! Obwohl Du ihre Hand so fest hältst, wie Du nur kannst, wirst Du damit keinen Funken Schmerz aus ihrem Körper in Deinen übernehmen können. Und das obwohl es das einzige ist, was Du Dir wünschst. Die gesamte Szene entgleitet Dir mehr und mehr. In unserem Mafia-Film wärest Du der Typ, der bei vollem Bewusstsein gefesselt und geknebelt in der Ecke sitzt und zusehen musst, wie Deine Frau von den übelsten Kerlen stundenlang und ohne Gnade verdroschen wird.

Und genau das ist es, was Dich in diesem Moment und auch beim späteren drüber-Nachdenken aus der Bahn werfen kann: Das erste Mal im Leben bist du sowas von KOMPLETT HILFLOS! Alle Deine sonst so wirksamen skills und Erfahrungen sind ABSOLUT NUTZLOS! Du bist nämlich gerade live dabei eine der krassesten Erfahrungen in Deinem Leben zu machen. Nur mit dem Unterschied, dass Du sie nicht aktiv erwirbst. Nein, sie wird dir brennend Heiß aufgezwungen! Wie ein glühendes Brandeisen auf den Allerwertesten eines Kälbchens. Unterschied: das Kälbchen hat das Glück nicht zu raffen was vor sich geht. Du schon. Und das läßt Deine Verzweiflung noch mehr anschwellen.

Der wunde Punkt auf den Du nicht vorbereitet warst

Erfahrungen und Erlebnisse die ein Vater im Kreißsaal macht

Aus eigener Erfahrung heraus würde ich sagen, dass genau der Moment, in welchem ein Vater seine absolute Hilflosigkeit in dieser unglaublich herausfordernden (bzw. überfordernden) Situation "per Hammer serviert bekommt", der Knackpunkt ist, um K.O. zu gehen. Sei es sprichwörtlich körperlich oder auch nervlich.

Liebe Mütter, die ihr nun sagt: "Stellt Euch nicht so an ihr Waschlappen! Schließlich müssen wir die Melone aus uns rausdrücken und nicht ihr!", denkt mal über folgendes nach: Wem wird die geschilderte Situation wohl näher gehen und ihn aufgrund seiner Unvorbereitetheit mit größerer Wahrscheinlichkeit umhauen? Dem Kerl, dem seine Partnerin und sein Baby relativ egal sind, der vor der Tür wartet** bis Du es endlich geschafft hast? Oder dem bald-Daddy, der schon seit Stunden mit Dir mitfiebert, mitleidet und in seiner wachsenden Verzweiflung einfach keine Lösung für EURE GEMEINSAME SITUATION sieht?

** Sorry, ja ich weiß es gibt Leute, die aus den verschiedensten Gründen nicht gut in einem Kreißsaal aufgehoben sind (Blut sehen und so) und trotzdem keine Mistkerle sind.

Was Du gedanklich mit in den Kreißsaal nehmen solltest

Was ich dem werdenden Vater mit dieser langen und bildreichen Geschichte sagen und mit auf den Weg in den Kreißsaal geben möchte!?

 

Mach Dich darauf gefasst und freunde Dich damit an, dass Du einmal im Leben:

  • nicht alles im Griff haben wirst und deswegen
  • in Dir das Gefühl aufkommen könnte komplett hilflos und machtlos zu sein
  • Du Deine Partnerin in einer absoluten noch nie dagewesenen Ausnahmesituation erleben wirst
  • Du live in einer Geschichte dabei sein wirst, die aufregender ist, als ein Elfmeterschießen im WM-Finale

Du solltest jedoch auch wissen, dass

  • all das unumgänglich ist auf der Reise zum Vatersein
  • in aller Regel alles gut wird, weil
  • Leute dabei sind, die wissen was zu tun ist (auch wenn Du es nicht bemerkst, aber ihr seid NICHT ALLEIN!)
  • *Du mit allem was Du tust und unternimmst (außer Kotzen oder ohnmächtig werden) Deiner Partnerin trotzdem eine riesengroße Stütze sein wirst - auch wenn Du in diesem Moment selbst nicht daran glauben kannst

 

Und nun bleibt mir nur noch zu sagen:

  • Geh mit dem Wissen, dass es einen Punkt geben kann, an welchem Du vermeintlich nicht mehr weiter weißt, in die Entbindung! Dann haut es Dich nicht um, wenn es so weit ist :-)
  • Millionen andere haben es auch geschafft. Und zwar mit der gleichen gefühlten "Ohnmacht" wie ich. Denn weder die anderen Daddies noch ich hatten das Wissen, das Du mit diesem Bericht nun hast
  • Auf Dich wartet eine tatsächlich einschneidende Erfahrung! Rückblickend eine der wichtigsten, fundamentalsten und prägendsten Erfahrungen, die Man(n) im Leben machen kann!
  • Alles Gute für Dich und Deine Lieben!

Stay strong! Es lohnt sich so unglaublich!

Dass sich alles gelohnt hat, weißt du wenn du Dein kleines Päckchen Glück zum ersten Mal in den Armen hältst. Eigentlich bist Du total im Eimer, denkst Du hast Dein Tagewerk vollbracht und würdest gerne heim gehen. ABER NEIN, in diesem Moment beginnt Dein Leben als Daddy: wechsel die Windeln, kümmere Dich um Mami, schirme sie von allen "Fans" ab, die Euer Zimmer am liebsten Tag und Nacht stürmen wollen und bring Deine beiden neuen Helden nach wenigen Tagen in ein wunderbar vorbereitetes Zuhause. DANN darfst Du irgendwann etwas essen, kurz schlafen, duschen und Dich rasieren.

 

Warum es bei mir fast zwei Jahre gedauert hat, bis ich das Geschehen aufgearbeitet und hier aufgeschrieben habe? Ganz einfach: in der Zeit nach der Geburt bist du als Papa voll gefordert und kommst kaum zum Nachdenken. Du erlebst mehr als 10 Fakten wie ein Baby Dein Leben auf den Kopf stellt gehst gemeinsam mit Mami durch Das anstrengende erste Jahr mit Kind und stellst fest: Dein Baby lernt Essen und Du am besten Renovieren!


 

Ein Beitrag von Matthias.

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