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Memos #006: Happy nOHR Year 2018

 Angeblich schrieb Mozart nach einem reichlich ereignislosen 13.07.1770 folgende Zeilen in sein Tagebuch: „Gar nichts erlebt, auch schön!“. Während dieser Satz auch für unseren 01.01.2018 anwendbar ist, sah es am 02.01.2018 schon ganz anders aus. Der Satz dieses Tages könnte nämlich lauten: „Was ins Ohr gesteckt, nicht schön!“. Scrollt mit uns durch den Ticker unseres „Ich-hab-da-was-im-Ohr-Tages“:

OHR neee! Mehr als ein Floh im Ohr:

 

02.01.2018: Wir haben noch Urlaub und starten ohne besondere Pläne in den Tag. Vielleicht besuchen wir heute mal den Opa? So war es zumindest gestern angedacht…aber erstmal Frühstücken und mit den vielen neuen Spielsachen, die es zu Weihnachten gab, spielen.

 

 

10.15 Uhr: Papa sitzt am Esstisch und trägt die bereits bekannten Termine für 2018 in den Familien-Jahresplaner ein. Mami und Junior sind im Obergeschoß und machen etwas im Bad.

 

kind etwas ins ohr gesteckt

Erster Akt: Ohr weia!

10.16 Uhr: „Schaaahaatz, komm schnell!“ tönt es von oben gut hörbar durch mehrere Türen. Ui, der Lautstärke und Tonlage nach, muss das eine massiv überfüllte und deshalb ausgelaufene Windel sein – denkt sich Papa und macht sich schleunigst auf den Weg ins Obergeschoß. Im Bad angekommen findet er Mutter und Kind unbeschadet vor. Weder der zu erwartende Geruch, noch ein über der Badewanne halb entkleidetes Kind sind zu sehen. Stattdessen steht der Junior auf dem Fensterbrett und die Mami dicht daneben. Papi nähert sich der Szene und ihm schwant böses, weil Mami nun schon mehrere Sekunden aus nächster Nähe stark konzentriert in das kleine Schlappohr des erschreckt dreinblickenden Youngsters stiert.

 

 

10.17 Uhr: „Er hat sich da was reingesteckt. Ich glaube es ist der metallene Stöpsel eines Ohrsteckers!“ analysiert Mami, ohne das weit aufgerissene Auge vom Hörorgan des Juniors abzuwenden. Papas Blick schweift durchs Badezimmer. Auf dem Boden steht die Schmuckschatulle der Dame. Diese wurde schön öfter für Spielereien entfremdet. Jedoch ohne, dass es zu „oHralen Zwischenfällen“ wie diesem gekommen ist.

 

 

10.18 Uhr: Nun wirft auf Papi mal einen mikroskopischen Blick in das Ohrinnere seines Nachwuchses, der sich nun zunehmend unwohler zu fühlen scheint. Zumindest beginnt er auf der Fensterbank hin uns her zu trippeln. Kein Zweifel. Nach kurzem Blick ins Mini-Ohr steht fest: da glitzert etwas Metallisches aus dem nach innen immer enger werdenden Gehörgang. „Müsste machbar sein!“ meint Papi zu Mami und schon zückt diese eine Pinzette aus ihrem Kosmetik-Fundus. „Die ist vorne zu breit für den Zweck, aber ich hab´ noch was anderes im Keller!“ analysiert Handwerker-Daddy.

 

 

10.22 Uhr: Aus dem Keller kommend trägt Papi die Feinmechaniker-Pinzette wie eine Trophäe vor sich her. Jetzt nur noch den Junior kurz auf dem Wickeltisch positionieren, den Kopf gaaaanz ruhig halten, ein klein Wenig und natürlich gaaaanz vorsichtig mit der Pinzette fuddeln, beherzt zupacken und schon können alle wieder zum Tagesgeschäft übergehen – soweit der gedankliche Ausblick der Erziehungsberechtigten für die kommenden Minuten.

 

 

10.25 Uhr: Es kam anders: Papa hat einen Hörschaden, Mama keine Kraft mehr und der Junior schreit, heult und tobt, als wollte man ihm bei lebendigem Leibe die Haut abziehen. Zwei Erwachsene sind ganz offensichtlich nicht in der Lage einen Zweijährigen zu bändigen, der sich kurz zuvor ein Kleinteil ins Ohr gesteckt hat.

 

 

10.27 Uhr: Was folgt ist das übliche Prozedere in solchen Situationen. Stufe eins: Sanftmütiges erklären was da im Ohr steckt und, dass es dort nicht bleiben kann, und, dass die Pinzette nur dafür da ist, damit man das Ding wieder hinaus bekommt. Dass der Junior nur gaaanz kurz still halten muss und, dass alles gaaaanz schnell wieder vorbei ist. Alles klar, der Nachwuchs hat es verstanden. Behauptet er zumindest. Aber als die Pinzette wieder Richtung Ohr wandert, beginnt alles wieder vorn vorne: Schreien, Brüllen, Toben, tränenüberströmtes nach-Luft–Ringen. Keine Chance! Stufe zwei muss gezündet werden: im Befehlston und mit eindringlichen Erläuterungen wird dem Ohrenverstopfer verdeutlicht, dass er nun gefälligst still halten muss, damit die Sache ein Ende nimmt. Resultat des nächsten Versuches: das gleich wie bei Stufe eins.

 

 

10.32 Uhr: Den Eltern dämmert es langsam, dass aus der anfänglich als „easy-peasy“ eingestuften Aktion eine etwas längere Prozedur werden könnte. Schwerere Geschütze werden aufgefahren. Die Szene verlagert sich ins elterliche Schlafzimmer, wo der Junior sanft aber bestimmt auf der Matratze abgelegt wird und dadurch – so die Hoffnung der Volljährigen – besser handlebar ist. Weit gefehlt.

 

 

10.37 Uhr: Nach drei weiteren Anläufen, die eher einem mittelalterlichen Exorzismus, als dem was die Eltern eigentlich vorhatten, gleichen, stellt sich bei den Erwachsenen die Erkenntnis ein, dass man so nicht weiterkommt. Zu groß ist die Gefahr bei all der Zappelei – oder nennen wir die Sache beim Namen „Wrestling ohne Regeln“ - dem Lausbuben-Oohr bleibenden Schaden zuzufügen. Und da uns niemand bekannt ist, der einem wilden Rodeo-Stier einen Ohrring-Stecker aus dem Ohr operiert hat, während dieser in voller Aktion ist, schwinden unsere Hoffnungen diese Aktion ohne fremde Hilfe über die Bühne zu bekommen sehr rasch.

 

 

10.45 Uhr: Szenenwechsel ins Wohnzimmer. Mit dem Laptop auf dem Schoß telefonieren wir die umliegenden Hals-Nasen-Ohrenärzte sowie Krankenhäuser ab. Bei 80 % aller Kontaktierten gehen weihnachtlich-dudelnde Anrufbeantworter dran, die mitteilen, dass man die erste Woche des Jahres noch im Urlaub sei. Na, Geilomat! Bei den vier Praxen, bei denen menschliche Ansprechpartner abheben, ergibt sich folgendes Bild: „Also nächste Woche könnten Sie vorbeikommen! Wenn Sie jetzt kommen würden, müssten Sie mit mehreren Stunden Wartezeit rechnen!“. Oh Mann!!!

 

 

10.58 Uhr: Doch noch ein Treffer! Der HNO im Nachbarort könnte um 11.45 Uhr mal danach schauen, teilt die Sprechstundenhilfe mit. Die ältere Generation sieht Licht am Horizont. Der Nachwuchs spielt, als wenn nix gewesen wäre mit seinem neuen Betonmischer. Wir hätten ja nicht damit gerechnet, dass im Nachbar-Kaff ein HNO ist, aber wir wohnen einfach noch nicht lange genug am jetzigen Standort und waren zum Glück nie krank genug, um die Dienste eines solchen zu benötigen. Eine gewisse Erleichterung macht sich breit. Wir richten in aller Ruhe und dem Vertrauen auf dem Arzt unsere Sachen und machen uns langsam auf zum…

 

Zweiter Akt: HNO und so...

11.40 Uhr: Arztpraxis ohne Probleme gefunden, Wartezimmer fast leer! In vorfreudigen Gedanken sehen wir uns schon wieder zuhause gemeinsam beim Mittagessen sitzen. Schließlich werden es für den Profi nur ein paar Handgriffe sein! …denken zumindest wir Eltern. Nachdem der Junior kurz in der Kinderecke des Wartezimmers gespielt hat – übrigens zeigt er die ganze Zeit keinerlei Anzeichen, dass ihn das Ding in seinem Ohr in irgendeiner Weise stört – dürfen wir auch schon ins Behandlungszimmer. Der Arzt ist jung, freundlich und baut durch ein paar Floskeln einen guten Draht zu unserem Nachwuchs auf.

 

 

11.45 Uhr: Mami und Junior hüpfen guten Mutes auf den Behandlungsstuhl und der nette Doktor zieht seine futuristische Stirnlampe an. Yippie, nur noch ein paar Sekunden und wir können wieder nach Hause!

 

 

11.48 Uhr: Szenen wie bei einer Geburt spielen sich im kleinen Behandlungszimmer des HNO ab: Ein Stuhl, ein Arzt, eine schweißgebadte Mutter, ein verzweifelter Vater sowie ein Kind sind anwesend. Mit dem einzigen Unterschied, dass es das Kind ist, welches bestialisch schreit und sich windet, als würde der Beelzebub aus ihm fahren. Unterdessen versucht die unter ihm sitzende Mutter verzweifelt versucht die beiden wild um sich schlagenden und tretenden Arme und Beine einzufangen und der Vater den Kopf des Nachwuchses in etwa in Richtung des Arztes auzurichten.

 

 

11.54 Uhr: Stille. Wartezimmer. Bedenkzeit. Der Doc war der erste, der dem Exorzismus ein Ende setzte, indem er Eltern samt Kind für eine kurze Beruhigungspause ins Wartezimmer schickte. Zwei weitere Patienten, die der Szene im Wartezimmer audiovisuell folgen durften, sitzen regungslos, kreidebleich und mit weit aufgerissenen Augen auf ihren Stühlen als die Maximal-Familie das Zimmer betritt. Es ist davon auszugehen, dass die Herrschaften noch am selben Tag beim Jugendamt vorstellig wurden…

 

 

12.07 Uhr: Wir versuchen es nochmal. Der auf alles vorbereitete Doc hat seinen Stuhl nun besser positioniert und gibt der Mutter Regieanweisungen, wie sie ihren Spross nun am besten auf dem Schoß positionieren sollte. Alles verläuft ruhig, bis der Doc seine Stirnlampe und damit unsere heranwachsende Sirene anknipst. Um es kurz zu machen: Selbst der Doc hatte Muffe dem Junior unter diesen Bedingungen im Ohr rumzupulen. Mit der Begründung das Kind nicht völlig vor zukünftigen Arztbesuchen zu traumatisieren sieht er keine andere Wahl als uns an die nächstgrößere Klinik zu überweisen. Dort hätte man die Mittel, um den Junior „kurz schlafen zu legen“ und den Fremdkörper in aller Ruhe zu entfernen. WHAT!? Ja, das soll heißen, um das blöde Ding aus dem Youngster-Ohr zu entfernen winkt uns nun nochmal eine Autofahrt in die nächste Stadt, ein Registrieren, Sitzen und Warten sowie ggf. eine Narkose für einen Zweieinhalbjährigen! Spätestens jetzt ist uns Erwachsenen klar, dass der Mozart-Spruch heute nicht in unserem Tagebuch stehen wird. Also düsen wir in den…

 

Dritter Akt: bOHR, ab ins Krankenhaus

12.45 Uhr: Papa hat seine zwei Sonnenscheine in der Klinik abgesetzt und dreht nun Runden in den umliegenden Vierteln, um einen Parkplatz zu finden. Geschafft! Und jetzt noch schnell die vier Blocks zurück zur Klinik joggen

 

 

12.52 Uhr: Mutter und Kind stehen in der laaaaangen Schlange der Notaufnahme. WTF!!! Weg hier, wir haben doch eine Überweisung für die HNO-Abteilung. Also, nix wie zurück ins Haupthaus und die entsprechende Abteilung suchen!

 

 

12.58 Uhr: Anmeldungs-Theke der HNO-Abteilung. Nach kurzer Wartezeit werden wir von Schwester Nicole eingecheckt und ins Wartezimmer gesetzt. Außer uns ist nur noch der langzeitarbeitslose Manni im Raum. Junior bricht das Eis und zeigt ihm seine Spielzeuge. Im Gegenzug erhalten wir freizügig und ungefragt Einblick in Manni´s Krankengeschichte. Blut gespuckt hat er an Sylvester nachdem die letzte OP nach seiner Einschätzung nicht ganz so toll verlaufen ist. Nun sollen die Weißkittel mal sehen wie lange er es noch macht. Manni ist hier anscheinend Stammgast, denn er weiß, dass man hier schon mal vier Stunden warten kann. Au Backe, dass kann ja toll werden! Junior findet es klasse und rutscht schonmal auf allen Vieren mit seinen Spielzeug-Autos über den HNO Boden.

 

 

13.32 Uhr: Kaum kennen wir Manni´s Lebensgeschichte, müssen wir auch schon wieder los. Die Schwester geleitet uns nämlich ins Behandlungszimmer. Ach so, das ist garnicht die Schwester, das ist offensichtlich die Ärztin!? Jedenfalls kommt niemand Erwachsenes mehr ins Zimmer und sie beginnt recht routiniert zu fragen, wo denn der Schuh drückt. Wir berichten von unserem bereits absolvierten Akten eins und zwei und sie meint: „Ich geh dann mal noch jemanden holen!“

 

 

13.35 Uhr: Die hinzugeholte Dame ist nicht etwa die Anästhesistin, sondern Schwester Olga, ehemalige Kugelstoß-Weltmeistern aus Novosibirsk, die jedoch an physischer Fitness zwischenzeitlich nichts eingebüßt hat.

 

 

13.37 Uhr: Mit vereinten Kräften nehmen wir den Junior zum x-ten Mal für heute in den Schwitzkasten und versuchen das strampelnde Kraftpaket in Schach zu halten, sodass ihn die junge Ärztin beim filigranen Hantieren nicht verletzt. Während die Eltern vorm geistigen Auge bereits den Abbruch der Aktion samt Vorbereitungen für eine Narkose sehen, macht es relativ zügig „Schwupps“ und am Haken-Instrument der Ärztin baumelt der Ohr-Eindringling! Unter den verdutzten Blicken der Anwesenden entspannen sich fast unbemerkt die Oberarme und Minen aller Anwesenden und schnell können die nassen Äuglein des kleinen Kraftpakets getrocknet werden!

 

 

13.44 Uhr: Überschwänglich danken die Eltern den Weißkitteln und wünschen tausendfach ein gutes Neues Jahr, bevor gleiches auch nochmals Manni im Vorbeigehen am Wartezimmer zugerufen wird.

 

 

13.56 Uhr: Nach kurzer Joggerei hat Papi das Auto wieder gefunden - yippieh, kein Strafzettel und nicht abgeschlappt! - und holt zwei müde Krieger vor der Klinik ab. Jetzt aber schnell zum Bäcker und die längst fällige Brezel holen!

 

20.05 Uhr: Wir schreiben in unser Tagebuch: "Gar nichts gehört. Auch schön!"

 


 

Ein Beitrag von Matthias.

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