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Kindliche Wutausbrüche mit einfachen Regeln vorbeugen

Hochroter Kopf, feucht werdende Augen und zuckende Mundwinkel und gleich danach lautes Geschrei und Tränen. Diesen Ablauf kennen alle Eltern nur zu gut, wenn mal wieder etwas beim Nachwuchs nicht so läuft wie er/sie es sich vorstellt. Dir platzen die Ohren während der Junior zu Hulk mutiert und so langsam kocht es auch in Dir selbst hoch! Aber was tun, wenn der anfängliche Unmut immer öfter zu heftigen Wutausbrüchen samt herumgeschleuderten Spielsachen gegen Dinge oder gar Menschen wird? Über Wutanfälle bei Kindern und wie man damit umgehen kann wurde bereits viel geschrieben. In diesem Beitrag beschäftige ich mich einmal mit diesem Thema.


Gibt es DAS Rezept gegen Wutausbrüche!?

Wutausbruch Kind was tun

Klar ist, dass emotionale Ausbrüche ein natürliches Verhalten und eine (vorübergehende) Entwicklungsphase sind. Diese kann allerdings einige Jahre dauern - je nach Temperament und Charakter des Kindes. Um solche Situationen abzumildern gibt es nicht „Das einzig richtige Rezept“: abwarten, bestrafen, ablenken, Liebe zeigen, alleine lassen, nachgeben, ignorieren … vieles ist versuchenswert. Eine interessantere Frage ist, was man tun kann, um Wutanfälle vorzubeugen. Geht das überhaupt? Ja, zu einem gewissen Teil schon. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht und praktiziere heute ein paar wenige Grundsätze, mit welchen ich in dieser Hinsicht überraschend erfolgreich bin. Die wichtigsten Tipps möchte ich mit euch teilen. Diese paar „Regeln“ halte ich aber auch deswegen für wertvoll, weil sie nicht nur dabei helfen, Wutanfälle vorzubeugen, sondern auch im Allgemeinen zu einem deutlich entspannteren und friedlicheren Alltag mit dem Kind beitragen.

Die Zauberworte hierbei lautet Empathie und Respekt. Dem eigenen Kind gegenüber. Versteht mich nicht falsch, ich bin keinesfalls der Meinung, dass Eltern und Kinder gleichberechtigte Partner sind und scheue auch nicht davor, mich bei meinem Kind einmal „unbeliebt“ zu machen, wenn es die Situation erfordert. Worum es mir hauptsächlich geht ist ein verständnisvoller und weitsichtiger Umgang mit dem Kind, ohne dabei die eigene physische und mentale Überlegenheit auszunutzen.

1.) Wichtige Grundlage - den Besitz des Kindes respektieren

Was im Erwachsenen-Miteinander selbstverständlich scheint, sollte auch gegenüber dem Nachwuchs gelten. Ein Beispiel: Stell dir vor, Du bist mit ein paar Bekannten in einem Biergarten und hast dir gerade Deine Lieblings-Schnitzel-Pommes-Kombi bestellt, während alle anderen aufs Essen verzichten und nur die Gläser heben möchten. Das Essen kommt und Du willst gerade zum Besteck greifen, als sich Dein Nachbar die Hälfte Deiner Pommes auf eine Servierte schaufelt und meint: „Sieht lecker aus, ich esse ein bisschen mit! Es ist ja genug da!“. Auch wenn Du ansonsten ein gelassener Mensch bist, würde Dich diese Vorgehensweise mindestens verärgern – wenn nicht sogar zur Weißglut bringen. Schließlich disponiert sich hier jemand gerade ungefragt und über Deinen Kopf hinweg Deine Pommes. Unfassbar, oder nicht!?

Und genauso wie Dir geht unzähligen Kindern auf dem Spielplatz, wenn Eltern großzügig mit deren Spielzeug disponieren: Dein Nachwuchs sitzt mit Schaufel und Förmchen im Sandkasten, als „der Hendrik von nebenan“ das Buddelzeug entdeckt. Großzügig und unter dem Deckmantel „gemeinsam Spielen ist doch viel schöner“ reichst Du mal eben „dem Hendrik“ die Hälfte der Spielsachen und erklärst Deinem Nachwuchs lapidar „Schau mal, der Hendrik möchte auch mitspielen“. Sorry, aber das ist kein Argument, um Deinem Nachwuchs das Spielzeug wegzunehmen und über seinen Kopf hinweg an andere zu verteilen! Übertrage mal die Situation auf Deine Pommes. Nur weil Dein Kumpel meint, dass ja genug Pommes da wären, sind es immernoch DEINE Pommes, die er Dir gerade ungefragt wegnimmt. Eine Situation also, in der Du machtlos und ungefragt übergangen wirst.

Also: Tu das nicht! Viel besser kannst Du Dein Kind fragen, ob es seine Spielsachen ausleihen mag. Wenn es nein sagt, respektiere es einfach. Dann hat der Hendrik eben Pech gehabt. Teilen zu lernen kann man nicht erzwingen, es braucht eine lange Zeit, kommt aber von alleine, wenn es so weit ist und wenn die Eltern genug Vorbilder liefern. Nichts frustriert aber mehr, als wenn man nicht selbst über das eigene Eigentum entscheiden kann und seine Interessen nicht durchgesetzt bekommt. Noch schlimmer ist es, wenn die eigenen Eltern die „Verräter“ sind. Egal ob es um Buddelzeug, eine Lieblingspuppe oder das 100-ste Matchbox-Auto geht. Spielsachen in der KITA gehören allen Kindern, das soll man dem Kind klarmachen können, aber sein Spielzeug ist eben nur SEINS.

2.) Immer gut informieren - Narration des Alltag

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Je sicherer sich die Kleinen fühlen und je geregelter der Alltag ist, desto entspannter sind sie. Deswegen versuche ich alles, was ich oder wir als Familie gerade machen, bzw. gleich machen werden, klar und verständlich mitzuteilen. Auch wenn mein Zweijähriger bei weitem nicht alles verstehen und vor allem mit Zeitbegriffen wie „gleich“ oder „bald“ noch nicht viel anfangen kann, scheint ihm dennoch das stetige informiert-sein Sicherheit zu geben. „Jetzt ziehen wir eine neue Windel an… die Hose wieder drüber, so, fertig, nur noch die Hände waschen, dann gehen wir ins Wohnzimmer. Die Mama geht dann in die Küche eine Suppe kochen und Maximilian kann zugucken oder spielen“. Schon ist der Racker auf dem Laufenden und weiß, dass nichts Unerwartetes bevorsteht.

 

Wenn etwa mittags ein größerer Ausflug ansteht, erzähle ich ihm bereits morgens mehrfach davon, damit er sich darauf einstellen kann. Wenn es dann bald losgeht, informiere ich ihn sachlich über die bevorstehenden Abläufe: „Jetzt gehen wir in den Flur, um uns anzuziehen. Danach gehen wir zum Auto und fahren los. Zuerst fahren wir Einkaufen, und nach dem Einkauf besuchen wir den Tierpark“. Klar, manchmal kommt man sich selbst komisch vor, dauernd über jeden Schritt zu berichten, aber man gewöhnt sich schnell dran. Großer Vorteil: Das Kind weiß immer Bescheid, was aktuell oder in naher Zukunft passiert und scheint dadurch wesentlich entspannter zu sein. Zusätzlicher Bonus: Auf diese Art und Weise hört und lernt es die Sprache.

3.) Nicht jede Überraschung ist erwünscht - Vorwarnen, wenn etwas Unangenehmes ansteht

kommunikation mit dem kind vermeidet überraschungen

Der dritte Punkt ergänzt eigentlich den zweiten. Immer vorwarnen, wenn für das Kind was Unangenehmes ansteht. Die Vorwarnung sollte entsprechend früh ausgesprochen werden. Zum Beispiel: Wenn es langsam Abend wird und der Junior bald ins Bett gehen soll, gehe ich nicht einfach zu ihm und befehle ihm aufzuräumen und ins Bad zu gehen. Das würde sofort einen heftigen Protest mit Weinen und Schreien hervorrufen. Ich sage ihm einfach bereits eine halbe Stunde bevor es soweit ist, dass der Tag nun langsam zu Ende geht und, dass es bald ins Bett geht, er davor aber noch ein bisschen weiterspielen darf. Das sage ich nach einigen Minuten nochmal. Irgendwann kommt dann die endgültige Meldung: „So, Maximilian, die Mama bereitet die jetzt die Wasserflasche vor und dann gehen wir ins Bad“. Nun weiß er, dass endgültig Feierabend ist. Klar, er protestiert auch jetzt, aber bei weitem nicht so heftig als wäre dies die erste und einzige Ankündigung gewesen. Auf dem Weg ins Bad hat er sich dann meistens bereits mit der Feierabend-Ansage abgefunden.

Auch auf andere, in den Augen des Kleines unangenehme, Ereignisse sollte man sein Kind lang- oder mittelfristig vorbereiten. Egal, ob es um einen Arztbesuch oder Windelwechsel geht. Maximilian lässt sich z.B. ungerne wickeln, vor allem wenn er gerade in etwas vertieft ist. Auch in dem Fall lasse ich ihn zunächst nochmal kurz weiterspielen, selbst wenn die Geruchsintensität im Raum stark zunimmt. Ich warne ihn vor: „Maximilian hat was in der Windel. Du darfst noch kurz spielen, aber gleich müssen wir die Windel wechseln gehen, sonst tut der Popo weh!“ – „Neeeein!“ antwortet er meistens. Aber wenige Minuten später können wir dann ohne Geschrei und Tränen Richtung Wickeltisch aufbrechen.

4.) Die körperliche Überlegenheit nie ausnutzen

gewalt und körperliche überlegenheit gegen kinder

Wie reagieren die meisten, wenn ihrem Kind ein wertvoller/brüchiger/gefährlicher Gegenstand in die Hände kommt? Mit entschlossenem (oder noch schlimmer - mit bösem oder erschrockenem) Blick rennen sie auf das Kind zu und reißen ihm den Gegenstand mit einem lauten „Das ist kein Spielzeug!“ aus der Hand. Es ist vollkommen verständlich, dass sich das Kind nun angegriffen und wehrlos fühlt – seine logische Antwort darauf: Geschrei und Tränen!

Eine solche Vorgehensweise ist aber nicht notwendig. Bestenfalls sorgen wir einfach dafür, dass solche Gegenstände gar nicht erst in Kinderhände gelangen können. Und wenn es trotzdem mal passiert, mache ich folgendes: ich gehe ruhig zu dem Kind, strecke mein Hand aus uns sage sachlich: „Das ist mein Handy. Kinder dürfen damit nicht spielen, gib es mir bitte wieder zurück“. Erstaunlich oft bekomme ich es ohne Probleme zurück. Wenn er sich dennoch weigert, wiederhole ich die Anweisung und kündige an, dass ich ansonsten selbst eingreifen werde: „Wenn du’s mir nicht zurückgibst, nehme ich’s dir selbst ab“. Wenn ich erneut erfolglos bleibe – nehme ich ihm den Gegenstand aus der Hand. Aber: Alles ruhig und sachlich! Das Kind muss vor mir keine Angst haben. Es weißt, dass seine Mama zuerst mit Worten agiert, und erst dann, wenn notwendig, die Taten folgen. Der Papa ist da nicht so geduldig und wird dafür auch entsprechend „belohnt“. Oft rennt der Junior dann weg und wirft den Gegenstand hastig so weit weg wie er kann.

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man die körperliche Souveränität des Kindes nicht verletzen sollte und – wie oben beschrieben - sein Eigentum respektieren sollte. Ich reiße bspw. meinem Kind nie den Schnuller einfach so aus dem Mund, weil ich gerade der Auffassung bin, dass er ihn „jetzt gerade nicht braucht“. Wenn ich ihm schon generell den Schnuller erlaube, dann soll er selbst entscheiden ob und wann er ihn nutzt. Oder wie würdest Du dich fühlen wenn man dir einfach Deine Sonnenbrille von der Nase zieht und Dir dann erklärt, dass es ja gerade nicht mehr soooo sonnig ist und Du sie deshalb gerade nicht brauchst?

Auch beim Spielen und Toben versuche ich meine körperliche Überlegenheit nicht auszunutzen. Festhalten und Kitzeln machen oft Spaß, aber während sich das Kind beim Rangeln sichtlich befreien will, höre ich auf. Auch das Lieblingsspielzeug zum Spaß wegnehmen und für das Kind unerreichbar hochhalten mit einem triumphierendem „das gehört jetzt mir!“ ist – wenn wir mal ehrlich sind – nicht wirklich lustig, sondern vor allem für Kleinkinder einfach nur entmutigend. Sie verstehen nämlich den „Spaß“ meistens nicht.

5.) Auch mal lange Leine lassen - Nicht so viele Verbote

kind hört nicht auf verbote

Wir Erwachsene lieben Ordnung und Sauberkeit und haben eine feste Vorstellung davon was sich gehört, und was nicht. Deswegen wird es für die meisten schwer, diesen Punkt zu verinnerlichen. Versuchen wir es einfach! Das Kind springt auf der Couch rum? So what!? Es hat ja immerhin keine schmutzigen Schuhe an. Das Kind versenkt seine Legosteine oder Autos in der Badewanne? So what?! Sie werden schon wieder trocken. Das Kind spielt im Matsch herum und macht die neue Hose schmutzig? So what!? Wir haben schließlich eine Waschmaschine!

Fragen wir uns doch mal, ob unsere Maßregelungen und Verbote einen Sinn haben, oder einfach nur deswegen ausgesprochen werden, weil sie eben dem festen Ordnungsbild „das darf man nicht vs. das muss man“ in unserem Kopf entsprechen. Mit Töpfen und Deckel spielen? Warum eigentlich nicht? Nur weil der erwachsene, innere Spießer in uns sagt: „Das sind Kochutensilien und kein Spielzeug!“? Solange diese nicht aus Glas sind, kann ja nichts passieren. Das Kind hat Spaß und wir einen Moment Ruhe. Will der Racker eine Mauer hochklettern – bitte schön! Ich bin dabei und passe auf ohne ständig mahnend einzugreifen. Ist er drei Mal hoch und runter geklettert hat er sowieso keine Lust mehr und wir können weitergehen. Kinder haben so einen starken Bewegungs- und Entdeckerdrang, dass zu viele Verbote einfach nur frustrieren. Und wenn es zu viele werden - nicht mehr die nötige Wirkung haben, wenn tatsächlich einmal ein Verbot notwendig ist. Dafür sind sie aber der Stoff für unendliche Diskussionen, für potenzielle Tränen und Wutausbrüche.

Außerdem - das wissen wir alle - ist gerade das Verbotene besonders attraktiv. Bei uns werden nur wenige Sachen verboten. Eigentlich nur das, was wirklich gefährlich ist – für das Kind oder für die Umgebung. Bei anderen Sachen sind wir deutlich lockerer.

6.) Nicht immer nur "Nein" – öfter mal Alternativen aufzeigen

dem kind anlternativen aufzeigen und nicht alles verbieten

 Wenn ich einmal etwas kategorisch verbiete und sehe, dass sich aufgrund dieses Verbots ein Sturm namens Plärrerei anbahnt, versuche ich eine (attraktive!) Alternative zu bieten. Die Pflanzen im Blumenbeet werden nicht rausgerissen und Blüten nicht gezupft, Punkt. Aber vielleicht macht stattdessen das Zupfen der Grashalme vom Rasen genauso viel Spaß? Der Rasen wird ja davon nicht eingehen! Mit Stiften an der Wand malen geht nicht, wie wäre es aber mit Kreide auf der Straße?

Klar, man muss einfallsreich sein und spontan auf neue Situationen reagieren können. Aber Kreativität zahlt sich aus. Noch bevor die ersten Tränen fließen, ist die Stimmung gerettet und es kann weitergehen.

Da die Sachen der Erwachsenen eine besonders starke Anziehungskraft ausüben, ist es nicht schlecht auch hier ein paar Asse im Ärmel zu haben. Beispielsweise ein altes, nicht mehr benutztes Handy (Batterie herausnehmen!), eine alte, nicht mehr funktionierende Computertastatur oder Fernbedienung usw. Und schon kann auch der Nachwuchs die unerklärliche Faszination für Knöpfe-Drücken, Schalter-Drehen und Display-Wischen ausüben, ohne, dass Papis neues Ei-Fon zu Schaden kommt. Natürlich gibt auch entsprechendes Spielzeug, das alle diese Gegenstände imitiert, aber… eben! Das ist ja nur Spielzeug, und die kleinen Entdecker wollen schließlich die „erwachsene“ Version in Händen halten.

7.) Chill´ mal Alter – etwas entspannter geht es auch

erfolg kinder erziehen

Ich weiß! Das ist oftmals einfacher gesagt, als getan – bringt uns der Junior doch regelmäßig innerlich auf die Palme. Dennoch: WIR sind hier die Erwachsenen und soll(t)en das Vorbild sein. Also, versuchen nicht provozieren zu lassen und stets die Ruhe zu bewahren! Wir werden nicht jeden Wutanfall vermeiden können egal wie wir uns bemühen und welche Tricks wir anwenden. Wir haben schließlich mit einem individuellen, aktiven und manchmal launischen Wesen zu tun. Und nicht mit einem Roboter vom Fließband, der sich programmieren lässt. Das gleiche betrifft aber auch uns – deswegen sollten wir auch kein schlechtes Gewissen haben wenn wir nicht immer bei allen Regeln konsequent sind oder mal einen schärferen Ton einschlagen als es angemessen wäre.

 

In diesem Sinne…Viel Erfolg!

 

Ein Beitrag von Marta.

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