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Fahrradanhänger: Pro & Contra

In vielen Foren und Gruppen zu Radreisen und Mehrtagestouren wird immer wieder heiß diskutiert, ob das Gepäck besser per Anhänger oder am Rad selbst transportiert werden sollte. So viel vorweg: Eine eindeutige Antwort GIBT ES NICHT.

Die Entscheidung für oder gegen die Nutzung eines Fahrradanhängers hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Letztlich entscheidet auch der eigene Geschmack. Im Artikel sollen deshalb (einige) Pros und Contras gegenübergestellt werden. Meine Abwägungen basieren auf drei MIT Anhänger zurückgelegten Mehrtagestouren inkl. Zelt-Übernachtungen gemeinsam mit meinem 6-jährigen Sohn. Also #radreisemitkind.

Generell Abwägungen zu "Radreisen mit (kleinem) Kind" liest du hier

Tabellarische Pros und Contras - Für und Wider einen Fahrradanhänger (FA)

  PRO Fahrradanhänger CONTRA Fahrradanhänger
1 Mehr Zuladung möglich

Mehr Gewicht des gesamten Gespanns

2 Weniger Gewicht am Rad selbst  
3 Abkoppeln KÖNNEN

Abkoppeln MÜSSEN

4  

Erhöhung der Schadensmöglichkeiten

5  

Möglichkeit des Diebstahls

6  

Erweiterung der Gespann-Länge

7

Evtl. geringere Breite des Rades

(ohne / kleinere Satteltaschen)

Erweiterung der Gespann-Breite / Spurbreite

8 Gepäck-Entlastung anderer Gruppenmitglieder

Gepäck-Maximierung beim Anhänger-Fahrer

9 Zusätzlicher, trockener Stauraum über Nacht  
10   Mehr Rollwiderstand
11   verändertes Fahrverhalten

Fotos: So sieht unser Setup mit Fahhradanhänger aus - Treppen werden zu nervigen Hindernissen

Ausführliche Erläuterung der Pros und Contras aus der obigen Tabelle

  1. Ein FA bietet die Möglichkeit (noch) mehr Dinge mitzunehmen als es am puren Rad möglich ist. Trotz all der Innovationen, die im heutigen bikepacking existieren (Satteltaschen, Gabeltaschen, Lenkertaschen, Rahmentaschen, Seat-Packs uvm.) ist irgendwann einmal jede Stelle Deines Rads von vorne bis hinten und von oben bis unten voll belegt. Dann bietet Dir ein Anhänger die Möglichkeit das Volumen und die Anzahl der mitzuführenden Gegenstände zu erhöhen. Vorsicht Falle! Wer mehr mitnimmt, hat mehr Gewicht zu bewegen. Es gilt: Weniger ist mehr! Auf was kannst Du verzichten?
  2. Auch, wenn Du alles, was Du gerne mitnehmen möchtest, "irgendwie" an Dein Rad befestigen kannst, könnte es passieren, dass es dadurch unglaublich schwer, unhandlich, schlecht kontrollierbar oder sogar Straßenverkehrs-gefährdend wird. Vielleicht packst Du weniger ein... oder greifst zum FA und nimmst doch alles mit was Du wolltest / musst?!
  3. Wer einen FA mitnimmt, hat die Möglichkeit ihn auch einmal abzukoppeln. Dadurch kann für spontane Tages-Rundtouren der FA irgendwo (sicher und trocken) zurückgelassen werden und mit ihm eine ganze Menge Gewicht an einem Ort bleiben ohne, dass Du es herumfahren musst. Das Gegenargument ist allerdings das Abkoppeln MÜSSEN. Beispielweise, wenn es Treppen hinauf / hinuntergeht oder das Gespann für manche Stellen zu lang/ breit / schwer ist. Wer aus unterschiedlichen Gründen mehrfach täglich an- und abkoppeln muss, kann dadurch schnell genervt sein oder sogar unnötig Kraft verlieren. Wir mussten dies mehrfach auf dem Neckartal-Radweg erfahren: die meisten Schleusen / Staustufen haben auf beiden Flussufern lediglich Treppen mit einspuriger Fahrradschiene. Zwar kann das Fahrrad darauf geschoben werden, nicht jedoch der Anhänger. Den muss man dann jedes Mal abkoppeln, hochtragen, oben ankoppeln, rüberfahren, wieder abkoppeln, runtertragen, wieder ankoppeln, weiterfahren.
  4. Dein Fahrrad hat 2 Räder und der mitgeführte Anhänger hat i.d.R. auch 1-2 Laufräder. Somit erhöht sich die Gefahr einen "Platten" zu bekommen und Flicken zu müssen. (Hatten wir bereits am Anhänger.). Zusätzlich zu all der Mechanik an Deinem Rad, können auch Teile des Anhängers kaputtgehen / verschleißen (Deichsel, Speichen, Rahmen, Tasche, Verdeck uvm.) und Deine Tour (unnötig) unterbrechen oder sogar beenden. Das Risiko, dass Dein Gesamt-Gespann einen Defekt erleidet, ist ohne einen Anhänger deutlich geringer.
  5. Je mehr Du mitnimmst, desto mehr kann Dir geklaut werden. Denk an ausreichend Sicherungsmaterial - auch für den FA. Das erhöht natürlich nochmal Dein Gesamtgewicht.
  6. Das Mitführen eines FAs führt unweigerlich zur Verlängerung Deines Gespanns. Was zunächst lapidar klingt, kann in manchen Situationen zum Nachteil werden. Z.B. wird Deine Gruppe dadurch länger, u.a. wenn Autos Euch auf der Landstraße überholen und Gegenverkehr kommt. Auch wenn einmal ein Fahrstuhl (Bahnhof) genutzt werden soll, bist Du ggf. zu lang. Auch beim Zickzack-Durchfahren von Schranken auf dem Radweg kann es eng werden. Hin- und her Rangieren oder Abkoppeln ist dann oft die einzige Lösung.
  7. Wenn Du mehr Gepäck auf den FA transportierst, kann es sein, dass dadurch Dein Rad nicht so "breit" bepackt werden muss. Kleinere oder gar keine Satteltaschen sind evtl. der Bonus. In der Regel wird Dein Gespann mit FA jedoch nicht nur länger, sondern auch breiter. Das Um/Durchfahren von Engstellen und Hindernissen kann schwierig bis unmöglich werden. Auch wir mussten schon des Öfteren an Engstellen (die nur mit Rad keine gewesen wären) abkoppeln und den FA drüber/drunter/nebendran vorbeitragen. Wenn Du keinen Einradanhänger hast, der in derselben Spur läuft, wie die Räder Deines Fahrrades, nutzt Du quasi drei Fahrspuren. Dies führt beim Umfahren von Schlaglöchern / Steinen / Unebenheiten oft dazu, dass mindestens einer Deiner Reifen das Hindernis doch erwischt und Dein gesamtes Gespann "Schläge kassiert". Gerne hüpft und schlingert der FA dann auch (siehe 11.). Auf Singletrails oder durch Radler ausgefahrenen Schotterwegen kannst Du zwar mit den Reifen des Fahrrads in der "glatten" Spur fahren. Die breiten Reifen des FA werden jedoch links oder rechts immer im Laub, Split, Kies etc. rollen - und dadurch hüpfen und bremsen. Erklärung im Video.
  8. Wer einen FA mitnimmt, kann seine/n Mitfahrer beim Gepäcktransport entlasten. Natürlich zu seinen eigenen Ungunsten in Bezug auf das Gesamtgewicht des eigenen Gespanns. Dies ist jedoch das Haupt-Argument, warum ich auf unseren Vater-Sohn-Radreisen den Anhänger bevorzuge. Zumindest so lange, bis Junior groß genug ist, um (noch) mehr Beladung auf dem eigenen Rad zu transportieren.
  9. Beim Zelten kann der Stauraum des FA genutzt werden, um Dinge, die über Nacht nicht im Zelt dabei sein müssen (Turnschuhe etc.) dennoch trocken und sicher unterzubringen. Da wir bislang zu weit in einem Einmann-Zelt genächtigt haben, war dieses "outsourcen" von überschüssigem Material in den Hänger sehr nützlich.
  10. Oh ja, der Rollwiderstand! Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass Du mit der Kombi Fahrrad+FA nicht nur 2, sondern vermutlich 3 oder 4 Reifen auf den Boden bringst. Der Rest ist pure Physik: Es rollt sich träger und tritt sich schwerer, wenn Du einen FA ziehst. Bei Steigungen wirst Du es besonders spüren. Manchmal fühlt es sich an, als würdest Du von einem unsichtbaren Gummiband oder sogar von einem Pflug im Boden hinter Dir gebremst. Vorteil: das gibt Radlerwaden ;-)
  11. Bereits die Zuladung von Reisegepäck in Satteltaschen etc. verändert das Fahrverhalten und das Handling Deines Fahrrades. Ziehst Du nun noch einen mit Gepäck beladenen FA hinter die her, ändert es sich nochmal. Du lenkst jetzt ein "Gespann". All das wirkt sich spürbar auf das Lenk-/Bremsverhalten, den Kurvenradius und letztlich auch den Bremsweg (und den Bremsenverschleiß / sowie Kettenbelastung etc.) aus. Natürlich kann es auch passieren, dass der Anhänger (je nach Unwucht der Reifen oder "Spiel" der Kupplung zwischen FA und Fahrrad) ins Schlingern, Schlagen, Poltern oder "Eiern" gerät. Gefährliche Situationen - vor allem bei schnellen Bergab-Passagen - sind keine Seltenheit! Siehe hier im Video.

Fazit der Pros und Contras

Wie man in der Tabelle und der anschließenden "Diskussion" gut erkennen kann, stehen sich Pro und Contra eines Fahrradanhängers oft direkt gegenüber.

Beispiel: Das Pro "Mehr Zuladung möglich" bedeutet in der Regel gleichzeitig "Mein Gespann wird insgesamt schwerer, weil ich dazu neige mehr mitzunehmen".

Nur für wenige Pros beim Griff zum Anhänger gibt es kein negatives Gegenargument. Bei nüchterner Betrachtung überwiegen ganz klar die Nachteile, die das Mitführen eines FAs mit sich bringt. Das ist meine persönliche Meinung, auch wenn ich bislang bei unseren Vater-Sohn-Radreisen immer auf einen Radanhänger zurückgegriffen habe.

Wer dennoch einen Fahrradanhänger nutzt, tut dies wohl a.) aus Gewohnheit oder b.) weil vielleicht ein einziges Pro-Argument so viel wiegt, dass trotz aller Gegenargumente die Wahl zugunsten der Mitnahme eines Anhängers ausfällt. Oder c.) weil er eine Weltreise / Mondbesuch / Arktisexpedition macht und deswegen unverzichtbar viele Dinge mitnehmen muss.

Warum ich bislang einen Fahrradanhänger genutzt habe: #radreisemitkind

Im Falle unserer bisherigen #radreisenmitkind war ein einziges, dafür  sehr gewichtiges Pro-Argument der ausschlaggebende Punkt, warum ich einen Radanhänger mitgeführt habe: Die schlichte Tatsache, dass ich durch die Mitnahme des Anhängers an meinem Fahrrad das Gewicht, welches mein 6-jähriger Sohn auf seinem Fahrrad transportieren musste, deutlich verringern konnte. Es war mir lieber mich und mein Gespann etwas mehr zu beladen und ihn dafür möglichst "leicht" unterwegs sein zu lassen. Dieses Argument allein hat den Ausschlag FÜR den Anhänger gegeben und alle negativen Aspekte überlagert.

Was hätte es mit gebracht, wenn der Junior schon nach wenigen km total platt und frustriert gewesen wäre? Im "schlimmsten" Fall hätte er schon nach 1-2 Tagen keine Lust mehr aufs Radeln gehabt. Letztlich wäre es vielleicht bei nur einer ersten Tour im August 2020 gekommen und danach wäre er nie wieder mit mir aufgebrochen!?

Jetzt bist Du dran: Hat Dir die Abwägung weitergeholfen? Wie sind Deine bisherigen Erfahrungen?

Ich freue mich, wenn Dir meine Abwägung "Pro und Contra Fahrradanhänger" weitergeholfen hat. Sie entspricht ganz klar meiner eigenen und rein persönlichen Einstellung zum Thema und erhebt in keiner Weise Anspruch der "Weisheit letzter Schluss" zu sein oder gar alle Für und Wider dargestellt zu haben.

 

Sollten Dir noch Aspekte einfallen oder bist Du komplett anderer Meinung, dann gib mir gerne einen Kommentar unten ab.

 

Ein Beitrag von Matthias.

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VIDEO: Packliste & Fahrrad-Setup für eine mehrtägige Radreise


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